Das schrieb der Wiesbadener Kurier am 19.11.2019

19.11.2019
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Kategorie: Allgemein

Idsteiner Kantorei beamt Zuhörer in galaktische Welten

„Requiem for the Living“ gelang monumental-wuchtig in der Unionskirche. Unterstützt wurde die Kantorei von der Nassauischen Kammerphilharmonie und dem Hattersheimer Chor „L‘Espérence“.

Von Hendrik Jung
Eher ein „Requiem for the Loving“: Gemeinsam mit den Sängern des Hattersheimer Chores „L‘Espérence“ gerät der Einsatz der Idsteiner Kantorei sehr warm und weich. Foto: Martin Fabjancic

Eher ein „Requiem for the Loving“: Gemeinsam mit den Sängern des Hattersheimer Chores „L‘Espérence“ gerät der Einsatz der Idsteiner Kantorei sehr warm und weich. (Foto: Martin Fabjancic)

 

IDSTEIN - Es beginnt bereits bildhaft-dramatisch als großes Klangkino – doch Stück für Stück entwickelt sich das neuste Konzertprogramm der Idsteiner Kantorei unter der Gesamtleitung von Dekanatskantor Carsten Koch immer weiter bis zu seinem ätherisch-furiosen Finale. Der Auftakt mit der Coriolan-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven ist zunächst rein instrumental und daher den Musikern der Nassauischen Kammerphilharmonie vorbehalten. Mit fein abgestimmtem Ensemble-Klang setzen sie das gehetzt wirkende musikalische Thema derart überzeugend dar, dass man das Gefühl hat, Zeuge einer wilden Flucht zu sein. Besonders beeindruckend gelingen die geschmeidig-fließenden dynamischen Entwicklungen, bei denen sich ein leises Wispern mit beinahe unmerklichem Pulsieren zu monumentaler Wucht entfaltet.

 
Als würden die Musiker ein Baby im Arm schaukeln
 
Schwelgerisch beginnt dann die Interpretation der Vertonung des Schicksalslieds von Friedrich Hölderlin durch Johannes Brahms. Die Musiker der Kammerphilharmonie spielen dabei so sacht, wie man ein Neugeborenes im Arm schaukeln würde. Hauchzart, hell strahlend und mit höchster intonatorischer Präzision gelingen den Sängerinnen und Sängern der Idsteiner Kantorei ihre Einschübe. Bis die Komposition plötzlich durch wirbelnden Strich und scharfe Klänge der Bläser aufgewühlt wird. Als würde das kleine Wesen von einem Moment auf den anderen in die erste stürmische Phase seines Lebens gezogen. Die Streichinstrumente sind hier durchweg im Hochgeschwindigkeitsmodus unterwegs, während das Gebläse für massive Begleitung sorgt. Doch am Ende führt das Ensemble gekonnt zur ursprünglichen Stimmung zurück.
 
Für das Hauptwerk des Abends kommen Sänger des Hattersheimer Chores „L’Espérence“ dazu und sorgen dafür, dass es in der Apsis der Idsteiner Unionskirche ganz schön eng wird. Der Auftakt zum „Requiem for the Living“ des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Dan Forrest gelingt dann geradezu außerirdisch flirrend. Hat das Publikum bis dahin bereits Klangkino vom Feinsten erlebt, so steigert sich die Darbietung jetzt zu Breitwandformat, der mit Surround-Sound angereichert zu sein scheint, obwohl die Beschallung natürlich ausschließlich von vorne erfolgt.

Der Einsatz der Sänger gerät außerdem so warm und weich, dass man das Gefühl bekommt, es handelt sich um ein „Requiem for the Loving“. Lediglich der zweite Satz ist nicht harmonisch-süß, sondern erinnert mit seinem mitreißend-rhythmischen Stakkato-Gesang an die Carmina Burana. Als letzter Mosaikstein kommt schließlich Solistin Cora Theobald hinzu. Obwohl es sich um eine noch junge Stimme handelt, weist ihr kristalliner Sopran bereits eine hörbare Reife auf. Unterstützt von feinperlenden Harfenspiel sorgt sie beim Agnus Dei für eine kuschelige Wohlfühlatmosphäre. Am Ende vermitteln Solistin, Chor und Kammerphilhamonie den musikalischen Eindruck, dass große Schwingen ausgebreitet werden, um auf ein funkelndes Licht zuzufliegen, das am galaktischen Horizont erscheint. Der berührende Abschluss eines fantastischen Konzertabends.
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